US-Präsident Donald Trump schickte ein paar Tweets zum Notenbanktreffen in Jackson Hole und zum Handelskonflikt mit China in die Welt: und binnen 15 Minuten war der Dow Jones um 400 Punkte gefallen. Bis zum Börsenschluss hatten die Aktienmärkte 500 Milliarden US-Dollar an Wert eingebüßt. Gegenüber früheren Zeiten offenbart dies eine vielfach höhere „Risikogeschwindigkeit“. Zurückzuführen ist dieses Phänomen auf das Zusammenspiel von fünf Entwicklungen.
Aktienkurse haben sich von Fundamentaldaten entkoppelt
Erstens lässt sich eine zunehmende Diskrepanz zwischen dem Preis von Vermögenswerten und der fundamental zu erwartenden ökonomischen Entwicklung von Märkten erkennen. Wir konnten dies im vergangenen Jahr etwa bei der letzten US-Aktienrallye feststellen, die inmitten einer globalen Konjunkturabschwächung stattfand. Dies Beispiel zeigt, dass der Aktienmarkt sich immer häufiger von den mittelfristigen wirtschaftlichen Fundamentaldaten abgekoppelt. Wenn die Märkte realisieren, dass sie die Lage optimistischer einschätzen als fundamental gerechtfertigt, ist das ein idealer Nährboden für Schocks. Kommt es zu einem solchen Schock, dann werden die Kursstürze an den Märkten zusätzlich angeheizt durch das Verhalten von passiven Anlageprodukten wie ETFs sowie systematisch investierenden Investmentfonds, die sich prozyklisch verhalten.
Immer mehr Schulden, immer schlechtere Schuldner
Eine zweite wichtige Entwicklung sehen wir am Anleihemarkt: Dort ist die Verschuldung über die Jahre beständig gestiegen, die Qualität der Schuldner im Durchschnitt aber gesunken. Bei einem globalen Berg an Unternehmensschulden in Höhe von 5,8 Billionen US-Dollar ist der Anteil der Schuldner, die von Ratingagenturen mit der niedrigsten Stufe im Investment Grade-Bereich (BBB) bewertet werden, von rund 30 Prozent in den späten 90er Jahren auf mehr als 55 Prozent im Jahr 2019 gestiegen. Die Sorge ist, dass bei der überhöhten Größe des BBB-bewerteten Marktes eine Rezession oder ein anderes Marktereignis eine Welle von Herabstufungen auslösen könnte, mit der viele Anleihen vom IG-Bereich in den High-Yield-Bereich abrutschen würden. Die Folge wären steigende Spreads, fallende Kurse und für die Unternehmen steigende Refinanzierungskosten. Zudem wären viele regulierte Investoren plötzlich von einem Investment in die herabgestuften Anleihen ausgeschlossen. Verständlich, dass die Märkte sensibel auf Nachrichten reagieren, die in diese Richtung deuten.
Märkte sind stärker von Technologieriesen abhängig
Ein dritter Treiber ist die wachsende Bedeutung von Technologieunternehmen. Der Technologiesektor nimmt heute das gleiche systemische Risiko ein wie die Banken während der letzten Rezession ab 2007. Das liegt nicht nur an der Größe dieser Technologieriesen. Vielmehr sind ihre Produkte und Dienstleistungen heute für die Prozesse in den meisten globalen Unternehmen lebensnotwendig. Da die Technologie für so viele Unternehmen grundlegend ist, können die großen Technologiewerte einen erheblichen Einfluss auf Unternehmen außerhalb ihrer Branche und ihres Indexes haben. Enttäuscht ein Tech-Konzern die Erwartungen am Markt, kann das dazu führen, dass sich die Kursverluste schnell in alle anderen Marktsegmente ausbreiten.
Globale Lieferketten sorgen für Domino-Effekte
Viertens führt die systemische Bedeutung des Technologiesektors zu einer weiteren Dynamik in der Globalisierung und Komplexität moderner Lieferketten. Risiken können sich nun viel schneller manifestieren, da selbst Unternehmen, die scheinbar völlig von großen Technologieunternehmen
abgekoppelt sind, über die globalen Lieferketten einem Domino-Effekt zum Opfer fallen können.
Soziale Medien als Echokammer
Der fünfte Treiber einer wachsenden Risikogeschwindigkeit sind die sozialen Medien wie Twitter. Das eingangs erwähnte Beispiel zeigt, wie der US-Präsident mit einzelnen Tweets die Märkte bewegt. Die Verbreitung politischer Äußerungen erfolgt schneller und ist zudem für alle Menschen gleichzeitig zugänglich. Das bedeutet, dass neben institutionellen Investoren auch Privatanleger ohne großen Zeitverzug Kauf- und Verkaufsentscheidungen am Markt umsetzen können und sich somit dem Herdentrieb an den Märkten anschließen. Die sozialen Medien wirken hier wie eine Echokammer, welche die vorhandenen Ängste der Investoren verstärkt.
Qualität ist Trumpf für Anleger
All diese Entwicklungen unterstützen wie gezeigt die Zunahme der Risikogeschwindigkeit. Doch das heißt nicht, dass Anleger den Märkten den Rücken kehren sollten. Vielmehr sollten sie die neue Realität in ihren Anlageentscheidungen einbeziehen. Aktive Managementansätze können hierbei helfen. Sie ermöglichen flexibles Handeln bei hoher taktischer Reaktionsfähigkeit. Sie eröffnen Anlegern die Chance, abseits von der Benchmark selektiv und erfolgreich vorgehen zu können.
(Principal Global Investors)